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Corona = VUKA-Welt extrem?

Ich habe keine Ahnung, ob und wie die Corona-Krise die Arbeitswelt verändern wird. Was ich jedoch in den letzten Monaten beobachte: wie unterschiedlich Menschen damit umgehen, wenn nichts mehr planbar ist und kein belastbares Wissen zur Verfügung steht. Einige sind still und warten, stellen große Teile von sich selbst in den Standby-Modus. Spannender jedoch finde ich die Menschen, die so tun, als gäbe es Wissen und als könnte man planen, die irgendeinen Teil von sich aktivieren, der ihnen Sicherheit gibt. Ich sehe dem aus zwei Gründen fasziniert zu: einerseits, weil es die Theorien der Hirnforschung bestätigt, dass wir in Konzepten denken (müssen) und Informationslücken einfach schließen, damit wieder eine Grundlage entsteht, an der wir uns orientieren können. Noch spannender jedoch finde ich den zweiten Aspekt: Es ist genau das, was wir in der Arbeitswelt mit Freude machen: wir tun so, als wüssten wir, was demnächst kommt und als hätten wir großen Einfluss darauf, bauen Strategien, 5-Jahres-Ziele, Projektpläne, Meilensteine u.v.m., paradoxerweise in vollem Bewusstsein, dass die Welt sich super schnell dreht und wir heute noch gar nicht wissen können, was morgen kommt.




Der Begriff der VUKA-Welt hat sich in den letzten Jahren als Beschreibung der Beschaffenheit unserer modernen Welt durchgesetzt.

VUKA steht für VOLATILITÄT (wir wissen nicht, wie lange etwas bleibt), UNSICHERHEIT (wir wissen nicht, wie stark etwas wirkt), KOMPLEXITÄT (wir können nicht alles wahrnehmen und in Kausalitäten analysieren) und AMBIGUITÄT (wir wissen nicht, was wahr ist).

Und besser kann man das Ausharren in der Corona-Krise wohl kaum beschreiben. Erhalten wir also gerade die Möglichkeit, in extremo zu begreifen, was ein Leben und Arbeiten in der VUKA-Welt wirklich bedeutet?


Der Begriff VUKA ist in einer anderen Phase von Orientierungslosigkeit entstanden: dem Ende des kalten Krieges, entwickelt am US Army War College, wird jedoch heute primär bezogen auf Unternehmen verwendet. Die Einigkeit ist groß: die Art und Weise, wie wir im letzten Jahrhundert gearbeitet haben, gefährdet Unternehmungen aller Art. Um in der VUKA-Welt zu bestehen müssen sich Organisationen und Personen neu ausrichten und anders organisieren.

V: Die Antwort auf Volatilität ist organisationale Agilität und persönliche Flexibilität.

Wenn wir nicht wissen, wie lange eine Situation anhält (ein Trend, die Aktualität einer Technologie o.ä.) benötigen wir eine Arbeitsweise, die schnelle Veränderung ermöglicht, ohne das jedes Mal Veränderung als Disruption erforderlich ist. Agile Arbeitsweisen sind prozesszentriert und ermächtigen auch Einzelpersonen, die Richtung zu ändern. Veränderung ist Alltag und kein besonderer Moment mehr, niemand erwartet, dass die Organisation in ein paar Monaten noch genauso ist, wie sie heute ist. Die Entwicklung ist organisch und entspricht eher einem Ansatz des Gartenbaus: wir beobachten das Gemüse und handeln entsprechend der Bedingungen und nicht eines Gießplans.

U: Die Antwort auf Unsicherheit ist organisationale Vernetzung und persönliches Lernen.

Wir werden die Unsicherheit nicht auflösen können, denn wir können niemals alles wissen. Doch wir können täglich unser Wissen erweitern und sowohl alleine als gemeinsam recherchieren, diskutieren, reflektieren. Sicher ist, dass wir gemeinsam stärker sind als alleine. Die Zeiten, in denen Organisationen vereinzelt nebeneinander her agieren können, sind in großen Zügen vorbei. Ko-onkurrenz ist das neue Zauberwort: wir benötigen eine Art von Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, die einerseits befruchtend und unterstützend ist, vor allem in der Krise, andererseits aber auch sehr darauf achtet, selber noch überlebensfähig zu sein.

K: Die Antwort auf Komplexität ist eine Organisationskultur des Mutes und der Fehlerfreundlichkeit ebenso wie persönliche Entscheidungskompetenz auf Basis von Mustererkennung.

Was Komplexität von Kompliziertheit unterscheidet ist, dass wir, egal wieviel wir recherchieren und analysieren, nie alle Komponenten und Interdependenzen verstehen werden. Alles ist irgendwie mit allem verwoben, ohne dass wir genau verstehen können, was passiert, wenn wir einen Teil des Systems bewegen. Hieraus entsteht leicht eine Starre, in der wir in ewigen Sitzungen immer wieder neue Berichte, Studien, Recherchen in Auftrag geben, in der Hoffnung, irgendwie doch den "richtigen Weg" herausarbeiten zu können. So funktioniert jedoch Komplexität nicht: hier geht es darum, ein System für einen Moment zu beobachten, einige Muster zu erkennen, auf dieser Basis eine Entscheidung zu treffen, zu beobachten, welche Muster sich als nächstes zeigen, eine weitere Entscheidung zu treffen... Wir wissen schon jetzt, dass einige dieser Entscheidungen "falsch" erscheinen werden, obwohl jede relevanter Teil der Forschungsreise ist. Für Organisationen bedeutet das, dass wir einander beim mutigen Ausprobieren unterstützen müssen - denn droht Bestrafung oder Demütigung dafür, dass ich eine Entscheidung getroffen habe, die nicht sofort alle Probleme bewältigt hat, kann die gesamte Organisation gelähmt werden.

A: die Antwort auf Ambiguität ist organisationale Transparenz und persönliche Klarheit sowie Würdigung von Vielfalt.

Wir sind live dabei, während neues Wissen entsteht. Es kann gut ein Jahrzehnt dauern, bis etwas wissenschaftlich belegt ist. Wir wissen, dass es fake news gibt und dass die Medien gerne nur Ausschnitte teilen, die Klickzahlen erhöhen, aber wir wissen nicht wirklich, wie wir herausfinden sollen, was verlässlich ist und was nicht. Es reicht demnach nicht mehr, unsere Meinung zu teilen, sondern klar zu argumentieren, welche guten Gründe wir für genau diese Meinung haben - und diese auch respektvoll von anderen anzuhören. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass die Wahrheit an der Schnittstelle unserer Meinungen liegt, ist ziemlich hoch, es geht oftmals darum, und zu sagen statt aber. Auch Organisationen wissen nicht, was wahr ist - doch auch sie können klar und transparent kommunizieren, welche Entscheidungen sie treffen, vor allem aber eben auch auf welcher Grundlage.

Zusammengefasst sind Organisationen, die in der VUKA-Welt bestehen, agil, vernetzt, fehlerfreundlich und transparent.

All das erfordert von uns als Einzelpersonen im Berufsleben eine große Haltungsänderung: wir müssen flexibel auf das reagieren, was heute ist; wir müssen täglich Neues lernen, recherchieren und unser Wissen in Gemeinschaften zusammenfügen; wir müssen lernen, Muster zu erkennen und auch dann (fehlerfreundlich) zu entscheiden, wenn wir nicht genau wissen, was daraus entsteht - und wir vielleicht schon in ein paar Tage umentscheiden werden; und wir müssen verstehen, dass es verschiedene Wahrheiten gibt und so klar wie möglich kommunizieren, welche Meinungen wir vertreten und wie wir sie fundieren.

Und all das können wir momentan perfekt an jedem Tag üben, an dem wir wieder einmal merken, dass Corona VUKA-Extrem ist.

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