• Monia

Teil der Lösung sein

Oh, wie gerne würde ich andere Leute retten. Wäre es nicht toll, wenn ich einen Zauberstab hätte und allen ginge es gut? Doch mal ganz ehrlich: geht das? Mal abseits der Diskussion, dass mein Impuls wahrscheinlich ego-getrieben ist, können wir Teil der Lösung der Probleme anderer sein?


Markus Strobel von der integralen Organisationsberatung imu Augsburg erzäht von Situationen, in denen Führungskräfte schlechte Bewertungen erhalten. Er fragt dann die Mitarbeiter:innen dieser Führungskräfte, welchen Anteil sie daran haben. "Was macht ihr, was Eure Führungskraft schlechter werden lässt?" Ich merke, wie die Inspiration in meinen Körper fährt. Dann sagt er:

"Nur wer Teil des Problems ist, kann auch Teil der Lösung sein."

Dann arbeiten wir daran, ganz klar und präzise herauszuarbeiten, welchen Beitrag wir zum Problem der Organisation leisten und was unser ganz persönlicher nächster Schritt ist. Ich bin sofort überzeugt von dieser Herangehensweise an Organisationsentwicklung. Statt aneinander zu zerren oder gemeinsame Lösungen zu suchen, die aus irgendwelchen magischen Gründen dann alles lösen sollen (Watzlawick nennt das den irrsinnigen Glauben an PatENDlösung, die eine Entscheidung, mit der alles für immer gut wird), geht jede:r von uns ihren Weg. In der Summe kann dann vielleicht wirklich Magie entstehen.


Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Freund, der verwundert war, dass ich Siegen im Streit doof finde. Aus seiner Sicht ist das Gewinnen das eigentliche Ziel des Streitens. Ich aber fühle mich dann leer und handlungsunfähig. Ich werde zum Warten gezwungen, kann selbst gar nichts tun.

Ich bin wirklich gerne Teil des Problems, dann darf ich mitgestalten und werde nicht zu Stumpfsinn und Frust verurteilt.

Ich denke an meine Beraterinnentätigkeit. Da bin ich nicht Teil des Problems. Kann ich also wirklich nicht Teil der Lösung sein? Kurz fühle ich mich orientierungslos, doch dann entspannen sich meine Schultern. Nein, kann ich nicht. Ich kann nur den Menschen ein Gegenüber sein, die Teil des Problems sind, mit ihnen nach dem nächsten Schritt forschen. Das ist doch auch mal eine realistische Aufgabe, die von mir nicht das Unmögliche fordert: die Probleme anderer Menschen lösen. Und doch darf auch ich mich als Beraterin immer einmal wieder fragen, inwieweit ich nicht doch zum Teil des Problems geworden bin und mein Handeln anpassen sollte - denn ich bin schneller Teil des Systems als ich Hallo sagen kann.


Ich denke noch mal an das Täter-Opfer-Retter-Dreieck, mit dem ich es als Mediatorin oft zu tun habe. Jemand leidet (Opfer) weil jemand etwas getan hat (Täter), jemand anderes will helfen (Retter) und wird somit Teil des Problems. Denn nun wird der Retter den Täter angehen und so selbst zum Täter werden - was wiederum den Täter zum Opfer werden lässt und nicht selten aktiviert das im Opfer den Retterwunsch. Sie verweben sich in einem ewigen Dreieck der kontinuierlichen Rollenwechsel. Die Lösung liegt außerhalb dieses engen Systems und schon lange suche ich nach Möglichkeiten, das Dreieck zu verlassen. "Du kannst nur Teil der Lösung sein, wenn Du Teil des Problems bist" erscheint mir als ein machtvoller erster Schritt. Sofort wird das Bewusstsein wach, dass wir alle verwoben und "schuld" sind und nicht der Täter alleine. Ich werde damit arbeiten.

Und natürlich träume ich sofort von einer Welt, in der die Menschen es genießen, Teil des Problems zu sein und in vielen kleinen Schritten immer mehr Teil der Lösung werden - selbstbewusst, bescheiden, lernwillig. Eine Welt, in der wir uns nicht schuldig fühlen, wenn wir Teil des Problems sind, sondern ermächtigt, mit zu gestalten.