• Anne

Von Affen mit Schwimmflügeln und Pinguinen, die auf Bäume klettern.

Aktualisiert: März 3

Ein Vortrag: Dr. Oliver Haas - Wertschätzung schafft Wertschöpfung


05.02.2020: wir betreten einen leeren Hörsaal der Uni Zittau. Heute findet ein Vortrag statt, von dem wir uns Einiges erhoffen. Dr. Oliver Haas spricht vor Oberlausitzer Führungskräften und Personalern zum Thema Wertschätzung. Er hat ein Konzept namens Corporate Happiness entwickelt, welches Menschen und Organisationen zu mehr Erfüllung und Erfolg verhilft. Grundlage sind wissenschaftliche Erkenntnisse zum Glück und zur Potenzialentfaltung. Wir möchten netzwerken, sehen, wer sich dafür interessiert und vor Allem warum. Ein Interviewtermin mit Dr. Haas steht - doch dazu wird es nicht kommen.

Die ersten Teilnehmer*innen betreten den Hörsaal, zwischen jedem wird mindestens ein Platz freigelassen. Zusammenkommen ja - aber lieber auf Abstand. Wir bereiten uns auf das Interview vor, klären noch die letzten Details. Die Zeit vergeht. 5 Minuten vor Beginn des Vortrags kommt Dr. Haas auf die Bühne. Zu spät für unser Interview - zum Glück, wie sich später raus stellt. In den 45 Minuten, in denen Dr. Haas jeden Gedanken zu New Work präzise auf den Punkt bringt, bekommen wir mehr Antworten als unsere Interviewfragen im Ansatz hergeben. Aber lest selbst:


Dr. Haas steht mit ausgewaschenen Jeans, lässigen Pulli und innerlich ruhend auf der Bühne. Wir sitzen ganz vorn und ich denke: diesen Gesichtsausdruck haben zufriedene Menschen. Er steht dort, ohne jegliche Show und mit einer enormen Präsenz.



Die Einleitung: um an der Harvard Universität Professor*in zu werden, müssen die angehenden Professor*innen vorher sieben Jahre als Assistent arbeiten. Nach diesen sieben Jahren entscheidet ein Gremium im Rahmen einer Vorlesung in einem ähnlichen Hörsaal wie diesem über die Zukunft des/der angehenden Professor*in: entweder genügt es den Ansprüchen und die Professur kann antreten werden, oder der Posten muss verlassen werden, ohne zweite Chance.

Forscher*innen haben über 50 dieser angehenden Professor*innen befragt: das Glückslevel während dieser sieben Jahren war bei allen auf neutraler Ebene. Als sie die Zusage bekamen, verdoppelte sich ihr Glücksgefühl, welches sich jedoch bei den Absagen halbierte. Doch jetzt wird´s spannend: nach 6 Wochen pendelte sich bei beiden Gruppen das mittlere, neutrale Glückslevel wieder ein und alle haben sich an ihren Zustand gewöhnt. Fazit: wir haben ein psychologisches Immunsystem, welches uns an Erfolge und Misserfolge gewöhnen lässt.


Also sollten wir unser Glück nicht am Erfolg messen, sondern unseren Erfolg an unserem Glück.


Der Hörsaal ist still: alle hören gebannt zu oder sind in Gedanken zum eben Gehörten. Dann erscheint über den Beamer ein Bild mit drei Pinguinen. Einige lachen, Dr. Haas bleibt ernst, wie die restlichen 30 Minuten des Vortrags.



Die drei Pinguine stehen für drei Mitarbeitende eines Unternehmens X. Alle sind hocheffiziente Schwimmer*innen, perfekte Performance im Wasser, schnell, agil. An Land sind sie langsam, ungeschickt, und irgendwie fehl am Platz. Meeting: der Chef verkündet das Jahresziel für 2020: auf Bäume klettern. Die Pinguine sind pessimistisch, Klettern ist nicht ihre Kompetenz, doch der Chef hat die Idee: ein schickes Hotel, ein lehrreiches Seminar, ein hübscher Workshop zum Thema: auf Bäume zu klettern. Ein paar Monate später: die Pinguine streifen auch nach größter Anstrengung gerade mal die untere Astgabel. Der Chef zieht die letzte Karte: Einzelgespräche. Mal die Pinguine persönlich fragen, warum das Seminar nicht geholfen hat, das Hotel war doch schick und der Coach total gut! Und ansonsten gilt: weiter motivieren.

Fazit: Pinguinen braucht man nicht das Klettern beibringen, der Aufwand und der Kraftakt ist verschenktes Potenzial, verschenkte Zeit und verschenkte Ressourcen.


Wir dürfen nicht Schwächen orientiert handeln, sondern Stärken orientiert. Jeder hat wertvolle Kompetenzen!


Dr. Haas: "Nachdem die Pinguine wieder schwimmen dürfen, gehe ich in die nächste Organisation, und da sitzen dann Affen mit Schwimmflügeln."


Stille Zustimmung, auch dem letzten ist das Lachen vergangen, angesichts der derzeitigen Situation auf dem Arbeitsmarkt. Wie viele Pinguine sitzen wohl in diesem Raum und versuchen, jeden Tag zu klettern? Mein Kollege Reno sieht mich zustimmend an: wir müssen was tun. Wir müssen den Organisationen und Menschen helfen.


Die letzte, einprägsamste Geschichte: Indien. Elefanten. Wild, stark, frei. Sie werden gefangen, um später als Arbeitstiere oder im Zirkus zu leben. Mit dicken Seilen werden sie Tage und Wochen an Bäume gebunden, sie ziehen an den Seilen, kämpfen, unermüdlich, manche sterben dabei, manche kämpfen tagelang an. Doch dann gibt es den einen Moment, wo der Elefant nicht mehr zieht. Wo er aufgibt. Und ab diesem Moment kann man die dicken Seile entfernen, der Elefant wird nicht flüchten.

Dann steckt man ihn in die Manege, dort geht er Kreise, macht Kunststücke, Tag für Tag. Und gehalten wird er nur von einem dünnen Seil an einem kleinen Haken, der lose im Sand steckt. Er könnte sich leicht befreien, doch: er hat gelernt, es bringt nichts, am Seil zu ziehen: er kann sich nicht befreien. Fazit: viele von uns sind die Elefanten, die am kurzen, dünnen Seil ihre Kreise drehen, Tag für Tag, in dem Wissen, dass es sinnlos ist, daran zu ziehen, um Freiraum zu bekommen.

Der Elefant muss selbst erkennen, dass er frei sein könnte und dass er am Seil hängt. Als er sich dessen bewusst wird, und auch all seiner Trauer und Langeweile, geht er zum Zirkusdirektor und beantragt Urlaub in Indien. Und er sieht dort andere Elefanten, frei, wild, stark und ganz ohne Seil. Ganz plötzlich merkt er: auch ich habe kein Seil mehr um. Ich bin stark und frei und ich kann selbst bestimmen, wo ich meine Kreise drehe.


Man merkt die Nachdenklichkeit im Hörsaal: Dr. Haas zeigt ein Video von einer Hotelkette, die sich von einer Zirkusmanege zu einer Organisation voller Glück und Erfolg entwickelt hat: mit Umdenken, das von einem selbst heraus passiert. Veränderung beginnt in jedem selbst, kann man sie nicht von außen steuern oder erzwingen.

Nach dem Vortrag sprachen wir mit Dr. Haas über Working Evolutions, über die Region und darüber, wie und wo wir anfangen könnten, den Arbeitsmarkt der Lausitz zu erforschen und zu ergründen. Wir haben beschlossen, uns noch einmal ausführlich zu unterhalten, in Form eines Podcasts oder Videos.

Die meisten, die vorher allein und mit viel Abstand zwischen den anderen Teilnehmern saßen, standen jetzt in kleinen und großen Gruppen.


Die Frage ist nicht, ob und wie eine Revolution des Arbeitsmarktes stattfindet, sondern wann.


26 Ansichten