• Monia

Selbstorganisation heißt nicht ohne Führung

Aktualisiert: Okt 28

"Weißt Du, Monia, manchmal habe ich schon das Gefühl, dass Du die Chefin bist. Und dann frage ich mich auch, warum wir das brauchen..." Puh, ja wie geht es mir denn nun mit dieser Aussage?! New Work bedeutet natürlich auch, dass wir Begriffe neu betrachten und definieren müssen. Also gucke ich mal in mich hinein...

Bin ich die Chefin? Äh, nein. Übernehme ich Führung? Ja, zu 100%. Und zwar gleich auf 3 Ebenen, auf formaler Ebene, auf informeller Ebene und auf invidueller Ebene.

Fangen wir mit dem Formalen an: Ich habe die Führung immer dort, wo ich eine Rolle habe. Genauso wie die anderen die Führung in ihren Rollen haben. Ebendas unterscheidet uns von einer Konsensorganisation, denn wir müssen nie alle einverstanden sein. Wir sind vollständig entscheidungsbefugt und -verpflichtet (denn so einfach ist das gar nicht) in unseren eigenen Rollen. Allerdings erst nachdem wir die Beratung der Menschen eingeholt und ernst genommen haben, die es betrifft. Also ja, ich habe die formale Führung überall dort, wo auf dem Rollenboard ein Zettel hinter meinem Namen hängt.





In meinem Fall steht da unter anderem "gelb hüten", man könnte es aber vielleicht treffender Verfassungsschutz nennen. Wir sind frei, zu arbeiten, wann wir wollen, wo wir wollen, wie wir wollen - aber es gibt 7 gemeinsame Gesetze in unserer Verfassung, die hochverbindlich sind und die Basis der Emergenz bilden, denn ohne ein paar Regeln funktioniert Selbstorganisation nicht. Ich bin also die Prozesswächterin. Diese Rolle gibt mir keinerlei inhaltliche Entscheidungsbefugnis, ich kann auch nicht die Regeln verändern. Aber ich habe die Verantwortung dafür übernommen, uns alle darauf hinzuweisen, wenn wir unsere Regeln nicht einhalten und so in Gefahr geraten, in der Beliebigkeit zu versacken. Und ja, wir haben schon erlebt, wie orientierungslos und chaotisch Dinge werden, wenn unsere Verfassung einmal eine Weile aus dem Blick gerät. Unsere eigentliche Führung ist daher genau genommen der Prozess, unsere Vereinbarung zur Arbeitsweise, und ich bin dann wohl im Moment die Führungsassistentin. In einem meiner Lieblingsvideos beschreibt Doug Kirkpatrick es so, dass sie ohne "human bosses" arbeiten. Da wird dann der verabredete, verbindliche Prozess zum Boss.



Spannender aber ist vielleicht der zweite Punkt, die informelle Führung. Wenn wir Führung nicht oder nur wenig formal festlegen, zeigt sich fast automatisch die reale, natürliche Führungsstruktur. Wir lernen schnell, wer welche Expertise hat, auf wen wir wann hören, von wem wir zu einem Thema vorübergehend geführt werden möchten. Diese Menschen müssen nicht formal ermächtigt werden, tatsächlich würde das sogar die konstante natürliche Veränderung stören. Mir folgen die Menschen gerne in Prozessen und ich habe so etwas wie fachlichen Respekt. So kommt es ohne Absprachen oft dazu, dass ich ein wenig moderiere und gerne meine Meinung zu allem möglichen in den Raum schmeiße. Das liegt in meiner Persönlichkeit als Wissenssammlerin und Prozessprinzessin. Und natürlich ist auch das Führung.

Was wir lernen müssen, ist, momentane Führung nicht mit allgemeiner Führung zu verwechseln.

Es würde der Organisation überhaupt nicht gut tun, wenn ich das zurückhalten würde, was ich gut kann. Wenn ich hier keine Führung übernehmen würde, aus der Angst heraus, dann als Chefin erscheinen zu können. Es würde der Organisation genauso wenig gut tun, wenn die anderen sich in irgendeiner Form in ihrer natürlichen Autorität zurücknehmen würden. Es gibt einfach keinen Grund, alle Führung in einer Person zu vereinen, welch Überlastung für die eine und welch Ressourcenverschwendung. Wir führen aber auch nicht gemeinsam, sondern eben situativ. Nicht, weil es in unserer Arbeitsbeschreibung steht, sondern weil wir gerade in dem Moment zu dem Thema die beste Person für den Job sind. Das ist ein paar Minuten später aber dann schon wieder anders. Denn genau das ist die Kraft von Selbstorganisation: das System wendet sich fast automatisch dorthin, wo es für diesen Moment die beste Führung erhält. Wenn wir es lassen und uns nicht in "ich will nicht als Chefin dastehen"-Ängsten oder "es darf doch niemand führen"-Vorurteilen verlieren, uns zurückhalten und der Organisation die Kraft rauben.


Es geht also, mal wieder, ganz zentral um die dritte Ebene: die Selbstführung (ist schon fast langweilig, dass es am Schluss immer um mich selbst geht, oder?). Ich führe grundsätzlich mich selbst und versuche für mich selbst die beste Führungskraft zu sein, die sich die Welt je erträumen konnte. Und wenn ich merke, dass das jemand im Außen gerade besser kann als ich, dann gebe ich ganz freiwillig für einen Moment die Führung ab. Immer freiwillig und immer für einen Moment.

Denn Selbstführung bedeutet nicht, dass ich immer alles alleine machen muss, sondern dass ich die Verantwortung dafür behalte, wann ich mich von wem führen lasse und wann nicht.

Und das macht niemandem im Außen zu meiner Chef:in. Ich kann mich also fröhlich auf die Selbstführung der anderen verlassen, dass sie mir manchmal die Führung schenken, sie aber dann auch wieder zu sich zurück holen.


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