• Anne

“Tankgutscheine und Obstkörbe sind gut, aber die Leute sehen den Mehrwert in den Softskills.”

Aktualisiert: März 11

Interview: Schicktanz GmbH Sohland a.d. Spree /// Spezialist für Spritzgusstechnik, Werkzeugbau und Veredelung

Hans-Tobias Schicktanz hat an der Burg Giebichenstein Industriedesign studiert und ist einer der Geschäftsführer der Schicktanz GmbH Sohland a.d. Spree, einem Familienunternehmen, welches seit 120 Jahren besteht.

Ich bin durch die Website auf die Firma aufmerksam geworden: dort ist die Rede von Verantwortung, gesellschaftlichem Engagement, Flexibilität, flachen Hierarchien und Wertschätzung. Ich bin gespannt.

Reno und ich fahren durch Sohland. Wir müssen das Navi einschalten - gar nicht so leicht zu finden. Sohland liegt nahe der tschechischen Grenze, ist eines der größten Dörfer Sachsens und spielt durch die ansässigen Firmen eine wichtige wirtschaftliche Rolle. Wir fahren auf das Firmengelände: hinter uns Umgebindehäuser, neben uns ein teilsanierter Dreiseitenhof, vor uns die zwei Firmengebäude..

Kaum sind wir ausgestiegen, begrüßt und Hans-Tobias Schicktanz. Er gibt uns kurze Instruktionen für die Anmeldung im Büro; und Warnwesten sollen wir uns geben lassen für eine Werksführung. Es wird deutlich: Besuch kommt hier oft. Nach der Anmeldung finden wir uns im Konferenzraum wieder, er wirkt jetzt weniger gestresst. Wir trinken Kaffee, er erzählt von seiner Firmengeschichte, wir von unserer Neugründung. Noch ist wenig Emotion in unserem Gespräch. Dann springt er auf und zeigt uns verschiedene Designprodukte, die in der letzten Zeit entwickelt wurden.

#Agilität

“Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust: zum einen die Innovation, zum anderen der Wachstum.”

Er erzählt von einem Netzwerk aus ortsansässigen Unternehmen, Künstlern und Designern. Er wirkt euphorisch - denn dafür brennt er. Produkte in der Region zu entwickeln, um diese wieder attraktiv und wirtschaftlich zu machen und zu zeigen, dass man sich hier im Herzen von Europa befindet, wo Menschen und Medien zusammen kommen können.

Die Vernetzung ist wichtig, um über den Tellerrand hinaus zu schauen. Man sieht, wie es andere Leute machen, kann Ideen einbringen, findet neuen Partner und Möglichkeiten, neue Kunden zu finden. Aber im Netzwerken liegt auch eine Gefahr: sehr träge Prozesse können entstehen, weil eine Einigung schwierig ist oder nur der Kern des Netzwerks aktiv ist - deshalb ist es wichtig, sich zu engagieren, sichtbar nach außen zu werden und somit einen Mehrwert zu schaffen. Politische Kontakte, Forschungsinitiativen und innovative Köpfe sind eine gute Basis um Neues zu entwickeln. Im Fokus steht dabei immer das Produkt - nur damit kann man Leute hier in die Region bringen und halten, sagt er.

#modernleadership

“Tankgutscheine und Obstkörbe sind gut, aber die Leute sehen den Mehrwert in den Softskills.”

Hans-Tobias Schicktanz ist überzeugt: um im produzierenden Gewerbe zu bestehen, müssen auch seine Mitarbeiter bereit sein und die Möglichkeit haben, innovativ zu denken. Um Ideen zu finden oder zu entwickeln, brauchen sie Freiraum, ´mal raus kommen´, weg von der Maschine.

Er spricht von dem Wettbewerb unter den Firmen, die Mitarbeiter wegen ein paar Cent die Stunde mehr abwerben. Tankgutscheine, Obstkörbe und finanzielle Benefits sind gut, machen die Mitarbeiter aber langfristig nicht zufrieden. Es kommt auf die Soft Skills an: mal wirklich zu fragen, was der Mitarbeiter braucht und dann auch zuzuhören. Natürlich gibt es auch solche Dinge wie ein Quartals Frühstück oder ein Sommerfest. Wir verbringen viel Zeit auf Arbeit, natürlich wollen wir uns die Zeit so angenehm wie möglich gestalten.

Wir leben von der Innovation - bei uns hat niemand Angst, den Chef anzusprechen, sondern empfindet es als wichtig, Problemlösung und Optimierung voran zu treiben, sagt er.

#Digitalisierung

“Wir haben das Ziel, die Maschinen an den Menschen anzupassen, nicht andersherum.”

Digitalisierung ist ein großes Thema. Einige Mitarbeiter haben die Möglichkeit zu Home Office und kommen nur einmal im Monat ins Werk. Im Rahmen der Möglichkeiten gibt es flexible Arbeitszeiten und vieles kann digital gelöst werden, sagt Hans-Tobias Schicktanz. Er möchte die Leute abholen, die bereit dafür sind.

Natürlich ist es schwierig für produzierendes Gewerbe, welches in Früh-, Nachmittags- und Nachtschicht getaktet ist, deswegen gibt es Kernarbeitszeiten. Die Produktentwicklung arbeitet flexibel, je nachdem, wer wann am produktivsten ist. Ziel ist es, die Maschinen so an die Mitarbeiter anzupassen, dass diese autonom produzieren und die Mitarbeiter nur anfunken, wenn es nötig ist. In dieser Zeit können die Mitarbeiter zuhause sein oder anderen Tätigkeiten nachgehen und ihren Tagesablauf besser auf ihre Bedürfnisse takten.

#Gemeinwohl

Das Unternehmen unterstützt, fördert und sponsert kleine und große Projekte aus der Region oder für die Region. Nicht alle Projekte werfen sofort Gewinn ab - das ist auch gar nicht das primäre Ziel. Trotzdem werden durch lukrative Ideen andere Projekte refinanziert und bilden so ein Netzwerk, welches sich selbst am Leben erhält.

#Nachhaltigkeit

Unser Schwerpunkt liegt auf dem Produkt, dem damit verbundenen Recycling und dessen Entwicklung, deshalb investiert die Firma viel in Forschung zum Thema nachhaltige Rohstoffe, erzählt er. Die Verbindung Kunststoff und Metall ist vor allem für die Region der Oberlausitz relevant. Er möchte als Elternteil auch für nächste Generation einen Mehrwert schaffen: die Möglichkeit, eine gute Ausbildung zu bekommen, lebendigen Vereinen beizutreten, ein Handwerk zu erlernen. Außerdem ist ihm wichtig, in Zukunft die Kreativität und innovative Gedanken in den getakteten Prozess der Maschine einfließen zu lassen - seine Leute sind offen und tiefsinnig genug, um diesen Weg zu gehen.

#Arbeitsmodelle

Es ist ein familiäres Miteinander, trotz der fast einhundert Mitarbeiter. Das Unternehmen hat tatsächlich eine flache Hierarchie aus drei Ebenen: der Geschäftsführung als Doppelspitze, die Bereichsleiter und die Mitarbeiter in den verschiedenen Abteilungen. Das merken auch die Kunden: kurze Entscheidungswege und Flexibilität.

Hans-Tobias Schicktanz ist überzeugt, dass Mensch und Maschine sich ergänzen können, trotzdem ist es schwer, ein bestehendes Arbeitsmodell und feste Zeiten aufzulösen, weil es das Risiko birgt, dass sich manche Mitarbeiter nicht gleichberechtigt fühlen.

Es gibt deshalb unterschiedliche Arbeitsmodelle: Teilzeit, die 4-Tages Woche oder der bewusste Entscheid zur Arbeit am Samstag und Sonntag, welche wiederum mit Boni belohnt wird und unter der Woche Freizeit für die Familie schafft.

#Digitaletransformation

“Wir bringen Jung und Alt zusammen und merken, wie sich die Generationen in ihren Fähigkeiten und ihrem Wissen ergänzen.”

Die Schicktanz GmbH Sohland a.d. Spree bildet aus und nutzt bewusst die Stärken der jungen und alten Generation. Innovative Ideen, digitale Intelligenz und fachliche, langjährige Expertise ergänzen sich und macht ein Zusammenarbeiten hocheffektiv. Stärken können so gefördert und eingesetzt werden und das Team wächst kontinuierlich zusammen. Gegenseitiger Respekt und die Wertschätzung untereinander sind ausschlaggebend für eine gute Zusammenarbeit.


Auch die Maschinen sind auf dem neuesten Stand - den Azubis und Mitarbeitern soll die Arbeit an neuen Maschinen Spaß machen und die Konkurrenz schläft nicht.

#Vernetzen

“Das Netzwerken habe ich von meinem Vater: der war schon immer auf der Suche nach Synergien, Partnern und neuen Denkansätzen.”

Hans-Tobias Schicktanz erzählt: wenn mein Vater in der Zeitung etwas Interessantes gelesen hat, rief er dort an und traf sich mit den Leuten aus dem Artikel. Er hat schon immer mitgeredet und hat realisiert, dass Netzwerke in vieler Hinsicht nützlich sind, um Erfahrungen auszutauschen, sich zu inspirieren und natürlich auch zu sehen, was die Konkurrenz so macht.

Als Produktdesigner ist man irgendwo immer offen für Neues, sagt er. Wohin geht der Markt, wohin entwickeln sich die Tendenzen? Er braucht ein Netzwerk, um sich und sein Unternehmen zu entwickeln, andererseits brauchen Netzwerke auch Menschen wie ihn.

#Verantwortung

Im Sommer finden mehrmals Workshops auf dem Gelände des Dreiseitenhofes statt, welcher jetzt und später als Raum für Innovation und Entwicklung dienen soll. Menschen und Unternehmen der Region treffen auf Designer und Künstler aus dem Rest der Welt. Manche bringen sogar ihr Fahrrad mit, die Oberlausitz ist schön. Abends wird zusammen gegessen - das stärkt die Community, oder die Mitarbeiter laden zu sich nach Hause ein. Das schafft einen Mehrwert für die Region, bringt Leute zusammen. Zusätzlich gibt´s Landluft und schöne Aussicht, mitten im Herzen von Europa. Es ist einfach der Mehrwert für alle, neben der schöne Landschaft, der mir Freude macht, sagt er.


Im Anschluss bekommen wir noch eine Werksführung und sind überwältigt von so viel Technik und unterschiedlichen Produktionsschritten. An jeder Ecke möchte ich stehen bleiben und beobachten, doch die Zeit ist knapp bemessen. Am Ende bekommen wir noch einen Apfel geschenkt. Bio. Aus der Region. Danke.

Ja, Hans-Tobias Schicktanz hat uns begeistert - durch seinen Drang nach Innovation und dem Zusammenbringen von Menschen, um etwas Neues und Sinnvolles zu erschaffen.

#agilität #modernleadership #digitalisierung4punkt0 #gemeinwohl #nachhaltigkeit #arbeitsmodelle #digitaletransformation #vernetzen #verantwortung #newwork


Diese wunderbaren Fotos sind von: Marco Warmuth, https://marcowarmuth.de/